Brauche ich einen Finanzberater?

Brauche ich einen Finanzberater?

Von Curd

Es gibt kaum einen Bereich, in dem die Meinungen weiter auseinander gehen: Braucht die Welt Finanzberater? Die Antwort ist einfach, aber unbefriedigend: Es kommt darauf an.

Die Berufsbezeichnung des Finanzberaters ist frei verwendbar, es gibt hierzu keinen anerkannten Studienabschluss und keine spezielle Zulassung der IHK. Damit sagt die Berufsbezeichnung leider überhaupt nichts über die Qualität oder die Hintergründe des Finanzberater aus. Lediglich seine Lizenzen, Abschlüsse und die Beratungsumgebung, in der er arbeitet können Hinweise über seine Eignung geben.

Gleichzeitig muss man sich die Frage stellen, ob man selbst fähig ist, sich in all diese Themen vollumfänglich einzuarbeiten. In meinem höchstpersönlichen Fall habe ich ein Bachelor- und Masterstudium, eine IHK-Ausbildung und eine zweijährige Finanzberatungsausbildung an einer akkreditierten und zertifizierten Firmenuniversität absolviert. Hinzu kommen monatliche Fortbildungen, die körperliche (und geistige) Anwesenheit erfordern. Auch mache ich nichts anderes nebenbei, sondern beschäftige mich beruflich zwischen 45 und 60 Stunden pro Woche mit Finanzthemen. Und damit kommen wir zum Mehrwert des Beraters: Wenn ich diesen Aufwand nicht betreiben will oder kann, brauche ich jemanden, der das für mich macht. Zu prüfen ist, wie gut er es macht.

Generell kann man zwei Bereiche in der Finanzberatung unterscheiden: Die Welt der Banken (Kontoprodukte, Geldanlage, Finanzierungen) und die Welt der Versicherungen (Risikoabsicherung, Altersvorsorge). Während sich diese Grenze auf dem Papier gut ziehen lässt, fällt dies in der Realität viel schwerer. Die klassische Riester-Rente und eine Fondspolice bekomme ich von der Versicherung, den „Bank-Riester“ und den Fonds ohne Police von der Bank. Letzendlich kann man mit Sicherheit sagen, dass jeder sowohl Versicherungsprodukte als auch Bankprodukte konsumieren wird, daher möchte ich auf beides eingehen.

Die Vergütung ist übrigens bei fast allen Berufsbezeichnungen gleich und läuft über Provisionen, Courtagen oder Honorare.

Versicherungswelt

Fast jeder hat das Bild des Versicherungsonkels im Kopf, der früher bei den Eltern oder Großeltern regelmäßig auf dem Sofa saß. Und doch wissen die wenigsten, in welchem Verhältnis der Hausgast zu den vermittelten Produkten steht. Denn hier muss man zwischen Versicherungsvertretern, -mehrfachagenten und -maklern unterscheiden. Zuerst einmal eine Klarstellung vorneweg: Das Endergebnis ist ein Vertrag zwischen Kunde und Versicherungsgesellschaft. Mit dieser Gesellschaft hat der Kunde aber in der Regel bis zum Schadensfall gar keinen Kontakt, sondern spricht mit dem Vermittler (oder der Vermittlerin).

  • Ist dieser Vermittler an eine Gesellschaft gebunden, handelt es sich um einen Versicherungsvertreter. Er vertritt die Gesellschaft und ihre Interessen. Das bedeutet, dass er auch im Schadensfall immer auf der Seite der Versicherung stehen muss.
  • Vermittler, die eine begrenzte Auswahl an Versicherungsgesellschaften im Portfolio haben, werden auch als Mehrfachagenten bezeichnet. Sie arbeiten damit nicht mehr nur für eine Gesellschaft, verfügen aber über ein begrenztes Produktangebot.
  • Einen Sonderstatus hat der Versicherungsmakler, der nicht der Gesellschaft, sondern dem Kunden gegenüber verpflichtet ist. Da er stets im Auftrag des Kunden handelt, kann er sich frei zwischen den Gesellschaften entscheiden und vertritt den Kunden auch im Schadensfall.
  • Der Versicherungsberater kommt sehr selten vor: Er darf Wissen, aber keine Tarife vermitteln. Das bedeutet, dass der Kunde nach der Absprache mit einem Versicherungsberater den Abschluss bei der Versicherung selber durchführen muss und auch im Schadensfall alleine dasteht.

Die Unterschiede zwischen provisionsfinanzierter Beratung und Honorarberatung behandele ich in einem anderen Artikel.

Bankenwelt

Lässt man sich bei seiner Hausbank beraten, trifft man häufig auf Kundenberater, Finanzcoaches, Betreuer oder ähnliche Bezeichnungen. Aber auch hier gibt es Unterschiede bezüglich Unabhängigkeit und Portfolio:

  • Der Bankberater arbeitet im direkten Abhängigkeitsverhältnis für eine Bank. Er kennt die hauseigenen Produkte und ist vergleichbar mit dem Versicherungsvertreter.
  • Der Bausparberater ist eine Variante des Bankberaters, mit Spezialisierung auf Immobilienfinanzierungen.
  • Der Anlageberater kann auf verschiedene Banken und ihre Produkte zugreifen. Natürlich ist nicht immer sichergestellt, dass er das auch tut. Darauf sollte man als Kunde selbst ein Auge werfen.

Heutzutage ist es üblich, dass Banken und Versicherungen Kooperationen eingehen. Das kann dazu führen, dass man bei seiner Hausbank auch eine Haftpflichtversicherung abschließen kann. Hinter den Kulissen hat man hier rein technisch mit zwei Personen gesprochen: Der Bankberater bekommt seine Provision für die Bankprodukte und einen Bonus für die Vermittlung des Kunden an die Versicherung. Der Versicherungsvertreter bekommt dann die Provision für die Haftpflichtversicherung, auch wenn man gar keinen Kontakt mit ihm hatte. Was es nicht alles gibt.

Und was ist mit Alternativen zu Versicherungen und Banken?

Selbstverständlich gibt es auch Produktanbieter außerhalb der beiden großen Branchen. Dazu gehören Immobilienfirmen, Anlagehäuser, Investoren, Fondsmanager und andere juristische und natürliche Personen, die Kapital suchen. Und auch hier findet sich eine vergleichbare Unterscheidung der Menschen, mit denen man über die Angebote spricht:

  • Der gebundene Vermittler des Produktes arbeitet im Auftrag des Produktgebers und versucht das Produkt bestmöglich an den Mann zu bringen.
  • Der ungebundene Vermittler nutzt das Produkt als Erweiterung seines Angebotes für den Kunden. Ob er im Sinne und Auftrag des Kunden handelt kann davon abhängen, ob er zusätzlich als Makler oder Anlageberater tätig ist.

Und woran erkenne ich einen guten Berater?

Das Problem ist, dass ein Berater immer einen fachlichen Vorsprung haben sollte – er kennt sich naturgemäß besser mit der jeweiligen Thematik aus. Dadurch fällt es mir als Kunde sehr schwer, sein fachliches Können einzuschätzen. Möchte der Berater nur etwas verkaufen oder ist das Produkt wirklich empfehlenswert? Weiß er in einer speziellen Situation wirklich was gut für mich ist, auch wenn es nicht meiner eigenen Meinung entspricht? Oder will er mich nur überreden und nimmt mich gar nicht ernst?

Beim Finanzberater ist es ähnlich wie beim Arzt: Wer hier glaubt, er wisse nach einigen Stunden Internetrecherche besser über Wirkstoffe und Diagnosen Bescheid als der Mediziner, der seit seinem Studium Wochen und Monate auf diese Themen verwendet, der irrt sich gewaltig. Und manchmal mit fatalen Folgen. Genauso verhält es sich mit Finanzberatern, die sich acht bis zehn Stunden am Tag, fünf bis sieben Tage die Woche mit nichts anderem als ihren Finanzprodukten beschäftigen.

Die wirkliche Qualität eines Beraters kann ich daher nicht an seiner gefühlten Fachkompetenz, sondern an seinem Charakter, seinem Auftreten und seinen Möglichkeiten erkennen. Geht er offen und ehrlich mit schwierigen Themen um? Bereitet er mich transparent auf Kosten vor? Nimmt er mich ernst und hilft mir einzuordnen, ob eine Lösung auch wirklich in meine eigene Welt passt?

Und nicht zuletzt: Kann er mir all das vermitteln, was ich als Kunde nutzen möchte? Ist er als Versicherungsmakler weitgehend frei vom Einfluss der Gesellschaften? Hat er eine Zulassung als Anlageberater und kann in der Geldanlage und bei Finanzierungen weitgehend frei arbeiten? Kann er mir über Lizensierungen auch Produkte außerhalb der Banken und Versicherungen vermitteln?

Zusammenfassend kann man sagen, dass

  • ein guter Berater aufmerksam zuhört und sich Zeit nimmt,
  • mich und meine Bedürfnisse ernstnimmt, ohne mir nach dem Mund zu reden,
  • offen auch negative Dinge ausspricht und wenn nötig meine Meinung produktiv kritisiert,
  • mir komplexe Sachverhalte verständlich und angenehm vermitteln kann,
  • als Versicherungsmakler über ein breites Produktspektrum im Versicherungsbereich verfügt,
  • als Anlageberater meine Geldanlage und Finanzierungen begleiten kann und im Idealfall zusätzlich
  • banken- und versicherungsunabhängige Produktlösungen anbietet.

Ob man für sich und seine Finanzen einen Fachmann braucht, oder sich selbst einarbeitet, muss am Ende jeder für sich selbst entscheiden.