Meinung & Medien

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Von Curd

Wer Erklärungen und Empfehlungen für Finanzprodukte sucht, wird im Web schnell fündig. Es gibt Diskussionsforen, Börsenblogs, Testseiten, Vergleichsportale und haufenweise Webseiten mit Informationen, bei denen keiner so genau weiß, woher die Information stammt.

Die wahrscheinlich häufigste Frage dürfte „Welche Versicherungen brauche ich?“ sein und das Netz liefert viele Antworten. Die ersten drei Beiträge von Google habe ich hier mal festgehalten:

Neben den Pflicht-Versicherungen gibt es einige Verträge, die Sie unbedingt haben sollten, weil Sie vor großen finanziellen Risiken schützen. Das Schöne: Wichtige Versicherungen müssen nicht immer teuer sein. Eine gute Privathaftpflichtversicherung gibt es schon für 5 Euro im Monat, eine Reisekrankenversicherung für weniger als 10 Euro im Jahr.

https://www.finanztip.de/sinnvolle-versicherungen/

Das klingt doch schonmal irgendwie ganz gut. Stutzig sollte man aber spätestens werden, wenn diese „Informationsseite“ Links zu Versicherern enthält. Ein Blick in meinen Beitrag zur Provision erklärt, was dahinter steckt. Finanztip sieht zwar aus wie ein reines Informationsportal, ist aber in Wirklichkeit eine genial verschleierte Vermittlung für Finanzprodukte aller Art. Und das ohne Beratung, Dokumentation und Haftung.

Einzelne Angebote lassen sich am besten in Internet-Portalen vergleichen und sind meistens schon für kleines Geld zu haben. Bereits für weniger als 25 Euro im Jahr ist Basisschutz verfügbar.

https://www.wiwo.de/finanzen/geldanlage/wie-das-gehalt-genutzt-werden-sollte-welche-versicherungen-brauche-ich/7262970-2.html

Wiwo steht für Wirtschaftswoche und damit für eine weitgehend unabhängige Finanzzeitschrift. Von der Glaubwürdigkeit definitiv mein Favorit, im Artikel finden sich keine Links auf Vertriebsseiten.

Schützen, was einem wichtig ist: Sobald das erste Kind geboren ist, sollten die Eltern ihre bestehenden Versicherungen auf den Prüfstand stellen. Denn mit der neuen Lebenssituation ändert sich auch der Absicherungs- und Vorsorgebedarf.

https://www.dieversicherer.de/versicherer/beruf—freizeit/news/die-7-wichtigsten-versicherungen-fuer-familien-458

Auch in diesem Artikel finden sich keine Links zu Vetriebspartnern, wirkt auf den ersten Blick demnach glaubwürdig. Ein Blick in das Banner der Website (oder ins Impressum) macht deutlich, woher die Informationen der Seite kommen, nämlich vom GDV, dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Das sind prinzipiell keine schlechten Menschen und ich lese durchaus gern die ein oder andere Veröffentlichung. Dennoch muss ich stets bedenken, dass der GDV natürlich ein gewisses Interesse daran hat, dass alle Deutschen möglichst viele Versicherungen abschließen.

Was heißt das für mich

Um Informationen aus dem Finanzberech richtig einsortieren zu können, muss man die drei Arten von Informationsquellen identifizieren können:

  1. Finanzvertriebsseiten: Auch Finanzprodukte müssen irgendwie von irgendwem irgendwo vertrieben werden, keine Frage. Aber bei Webseiten, die sich als reine Informationsplattformen darstellen, um in Wirklichkeit Finanzprodukte zu verticken, kriege ich gelegentlich Wutanfälle. Und das bezieht sich nicht nur auf Finanztip, auch Check24, Verivox, Finanzcheck – Alles reine Verkaufsseiten, die den Nutzern vorgaukeln, ihre Produkte wären „Testsieger“, ohne deutlich darauf einzugehen, das hier eine ganze Menge Geld fließt. Finger weg von Informationsartikeln, die gleich den Link zum Versicherungs- oder Depotabschluss mitliefern.
  2. Lobbyseiten: Ein Blick ins Impressum und zur Not Wikipedia helfen meist, Lobbyseiten zu identifizieren. Das heißt nicht zwangsweise, dass die Informationen falsch sind. Aber eine gewisse Befangenheit muss unterstellt werden. Der GDV ist nur ein neutrales Beispiel, weder gut noch schlecht. Man muss es nur wissen.
  3. Nachrichtenseiten: Mir fällt kein besserer Begriff ein, inzwischen sind die Grenzen zwischen Nachrichten und Meinungsmache selbst innerhalb einer Plattform fließen (Spiegel online geht hier mit schlechtem Beispiel voran). Hier kann ein Artikel gut und unabhängig recherchiert sein, der nächste ist eine kurzfristig zusammengebügelte Falschinformation, die aus Unwissenheit und dem Fehlen jeglicher Recherche heraus in den luftleeren Raum des Worldwideweb geschmissen wird. Insgesamt ziehe ich die Nachrichtenseiten als Wissensquelle definitiv vor, da hier am wenigsten Befangenheit vorliegen sollte.

Ein Allheilmittel gibt es auch hier nicht, denn jeder Artikel hat einen Autor und jeder Leser muss selbst entscheiden, ob er sich in der Ausgangssituation des Autors befindet und den Meinungen und Ausführungen zustimmen kann.

Wie arbeite ich am besten mit Informationen?

Wann immer ich einen Artikel vor mir habe, stelle ich mir selbst die Frage:

Wer sagt das und für wen gilt das?

„Wer sagt das“ beschäftigt sich mit dem Autor und seinem Vorwissen. Hat derjenige Erfahrung mit Menschen in meiner Situation? Kommt er aus der Branche und wo kommt seine Motivation her? Ein anonymer Blogeintrag ist genauso glaubwürdig, wie E-Mails von einem afrikanischen Prinzen, der mir Milliarden überweisen möchte. Und auch ein Bankenvorstand hat nicht unbedingt Fachwissen im Bereich Studentenabsicherung.

„Für wen gilt das“ wird in meinen Augen viel zu selten gefragt und sollte zu Beginn jeder Diskussion geklärt werden. Nur weil Person A dringend eine Versicherung braucht, gilt das nicht gleich für Person B. Nur weil C noch nie berufsunfähig oder krank war, bedeutet das nicht, das D ebenfalls topfit durchs Leben gehen wird. Daher  muss sich Jeder aufs Neue die Frage stellen: Gilt das für Menschen wie mich?

Meine persönliche Empfehlung

Ich selbst bevorzuge Zeitungsartikel (nicht Zeitschriftenartikel) einiger ausgewählter Pressen. Beispielsweise die FAZ, das Handelsblatt u.ä. Zusätzlich empfehle ich immer Themen grundsätzlich zu lernen. Bevor ein „Vergleichsportal“ aufgesucht wird (wir wissen ja inzwischen, dass es simple Vermittlungsportale sind), empfehle ich erstmal Wikipedia für die grundsätzlichen Zusammenhänge. Mit diesem Wissen und den richtigen Begriffen kann man sich dann prima das Bedingungswerk einer Versicherung zu Gemüte führen und mal nachlesen, was da eigentlich drinsteht. Auf dieser Basis lassen sich Artikel aus dem Netz viel besser einsortieren und mit der Prüfung „Wer sagt das und für wen gilt das?“ in der Regel gut auswerten.

Wer den Aufwand nicht betreiben möchte, sollte sich auf jeden Fall einen unabhängigen Finanzberater suchen, das heißt einen Makler für Versicherungsthemen und einen Anlageberater für Bankthemen. Oder eben Jemanden, der beides kann.

Versicherungsfragen bitte nicht auf die leichte Schulter nehmen, denn auch wenn die gewünschte Haftpflichtversicherungen nur 25 Euro im Jahr kostet: Wenn sie im Zweifelsfall nicht leistet, weil das Kleingedruckte nie gelesen oder verstanden wurde, und man vor sechs- bis siebenstelligen Kosten steht und für den Rest seines Lebens ruiniert ist, dann hilft es nicht die Schuld bei dubiosen Vertriebsportalen mit nerviger Fernsehwerbung zu suchen. Am Ende ist jeder für sich selbst verantwortlich, schließlich sind wir alle erwachsen.